Praxisbericht aus der PRIMA!-Kommunikation

Kommunikation erlernen, erspüren und erfahren

Zusammenarbeit von unterschiedlichsten und hierarchisch geprägten Berufsgruppen, Menschen in körperlichen und emotionalen Ausnahmezuständen, Schichtdienst, straffe zeitliche Vorgaben, ein enormes Stresslevel, hohe Anforderungen an Fachlichkeit und soziale Kompetenz: Das Berufsprofil von Pflegefachkräften ist anspruchsvoll – sie müssen fachliche Informationen vermitteln, die interprofessionelle Zusammenarbeit koordinieren, Patient*innen und Angehörige trösten und sind dabei tagtäglich mit unzähligen Menschen in Kontakt. Daher ist es unabdingbar, dass Pflegefachkräfte ausgezeichnet kommunizieren können und Strategien für den Arbeitsalltag haben, die ihnen dabei helfen, deeskalierend, empathisch und dennoch klar und präzise zu formulieren. Gute Beziehungen, egal ob zu Kolleg*innen oder Patient*innen, tragen maßgeblich zu einer erhöhten Arbeitsplatzzufriedenheit bei.

Im achttägigen PRIMA!-Kommunikationstraining von GRAVITA erlernen die Teilnehmenden wichtige Kompetenzen, um die Kommunikation mit allen anderen Berufsgruppen und Patient*innen und Angehörigen optimal zu gestalten. Hierbei ist die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg ein relevanter Bestandteil. Bereits im ersten Workshop des PRIMA!-Kommunikationstrainings setzen sich die Teilnehmenden mit diesem Konzept auseinander. Gewaltfreie Kommunikation wird aber nicht ausschließlich theoretisch erfasst, sondern durch Übungen erfahrbar gemacht.

Erste Begegnungen mit Gewaltfreier Kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation basiert laut Marshall B. Rosenberg darauf, dass wir in unseren Interaktionen permanent (Sprach-)Handlungen vollziehen, diese aber nicht wertfrei wahrnehmen, sondern bewerten. Um gewaltfrei miteinander zu kommunizieren, wurden von ihm daher vier Schritte zur Formulierung von Kritik und Bedürfnissen erarbeitet.

Beobachtung Was habe ich gesehen? >> Zunächst ist die Person, die die Kommunikation anstößt und damit Redebedarf signalisiert, gefordert, zu beschreiben, was sie beobachtet hat. Hierbei ist es besonders wichtig, konkret zu formulieren. Anstatt also der Kollegin vorzuwerfen: „Du kommst immer zu spät!“ besser präzise formulieren: „Innerhalb der letzten sieben Tage bist du zweimal erst zehn Minuten nach Beginn der Übergabezeit auf Station erschienen.“

Gefühle Was sind meine Gefühle? >> Im zweiten Schritt werden die eigenen Gefühle, die mit der erlebten Handlung verbunden sind, beschrieben. „Darüber bin ich wütend.“

Bedürfnisse Was sind meine Bedürfnisse? >> Das Bedürfnis, das hinter den zuvor formulierten Gefühlen steckt, soll im dritten Schritt benannt werden. Der entsprechenden Kollegin kann erläutert werden: „Mir ist eine zuverlässige Übergabe wichtig, damit alle gleichzeitig auf den aktuellen Stand kommen und wir unsere Patient*innen bestmöglich versorgen können.“

Bitte Was wünsche ich mir von dir? >> In einem letzten Schritt wird die Bitte formuliert: Die sprechende Person sagt deutlich und konkret, was sie von ihrem Gegenüber zukünftig wünscht. „Ich bitte dich, zukünftig pünktlich zu Dienstbeginn anwesend zu sein, damit wir gemeinsam die Übergabe auf der Station durchführen können.“

Kommunikation ist mehr als das, was jemand sagt

Aussagen zu überprüfen und wertfrei zu formulieren, so dass ein Gegenüber sich nicht angegriffen fühlt, ist ein Bestandteil der PRIMA!-Kommunikationsschulung. Aber auch tiefere Ebenen von Kommunikation werden in den Seminaren aufgegriffen. Denn dass Kommunikation mehr als nur das Gesagte beinhaltet, findet sich schon im sprichwörtlichen Ton, der die Musik macht. Im Training wird daher besprochen, welche Werte einzelne Personen auszeichnen, welche Haltungen man gegenüber unterschiedlichen Menschen einnimmt und wie sich diese Aspekte auch auf die Kommunikation mit anderen auswirken.

In einer Übung erfahren die Teilnehmenden am eigenen Leib, wie Kommunikation ohne Worte funktioniert. Zwei Personen sitzen sich gegenüber und schauen sich an. Eine Person hat den Auftrag, Emotionen oder eine bestimmte Haltung nur mit ihrem Gesichtsausdruck zu übermitteln – die zweite Person soll diesen Gesichtsausdruck für eine Minute auf sich wirken lassen und lediglich die in sich selbst aufsteigenden Emotionen registrieren. Zuerst nimmt die darstellende Person eine kritische Haltung gegenüber der wahrnehmenden Person ein. Diese muss eine Minute lang vielleicht Stirnrunzeln, skeptische oder sogar abschätzige Blicke aushalten. Unbehagen und Ablehnung können spürbar werden.

Für den Gegencheck begegnen sich die beiden auch noch einmal als weise*r Expertin und mit einer empathischen Haltung voller Mitgefühl. Im Anschluss an die Übung reflektieren die Teilnehmenden ihre gemachten Erfahrungen, welche Gefühle in ihnen während der Übung hochgekommen sind und was ihnen in dieser Minute besonders schwer fiel.

Nachhaltigkeit ab dem ersten Workshop

Damit sich das neu Erlernte aus den Workshops nicht direkt wieder verflüchtigt, bekommen die Teilnehmenden in GRAVITA immer auch einen Praxisauftrag bis zum nächsten Workshop. Nach der ersten Einführung in Gewaltfreie Kommunikation lautet die Aufgabe für die Teilnehmenden: Achten Sie in Ihrem Alltag einmal darauf, wie kommuniziert wird. Wann ist das Gesagte eine Beschreibung? Wann ist es eine Interpretation? Wann ist es eine Bewertung?

Wir laden Sie herzlich ein, das auch einmal zu tun. Oder versuchen Sie, wie unsere Teilnehmenden, Aussagen in Ihrem Alltag einfach mal nach w-w-w zu formulieren.

Wahrnehmung: Was ist passiert? Was habe ich wahrgenommen?
Wirkung: Wie fühle ich mich dabei?
Wunsch: Was wünsche ich mir von der anderen Person?