Oliver Lowin im Interview

Gute Führung ist eine Frage der inneren Haltung

Ein wesentlicher Bestandteil im Projekt GRAVITA ist die Schulung „Transformationale Führung“, in der Führungs- und Leitungskräfte der teilnehmenden Krankenhäuser diesen modernen Führungsstil kennen und anwenden lernen.
Transformationale Führung ist kein Tool, sondern eine Haltung. Führungs- und Leitungskräfte sollen ein Vorbild und kommunikativ sein, risikofreudig sowie transparent agieren. Sie schaffen ein Arbeitsklima, das positive Entwicklungen fördert und erfahren dafür Loyalität und Respekt von ihren Mitarbeitenden.

Die Mitarbeitenden vertrauen ihnen und fühlen sich motiviert, eigeninitiativ Veränderungen anzustoßen. Führungs- und Leitungskräfte stärken die Mitarbeitenden in ihrer Rolle als Pflegefachperson und fördern deren berufliche Entwicklung. Sie lernen, für ihre Mitarbeitenden als Coach und Mentor*in zu fungieren. Durch das sechstägige GRAVITA-Führungskräftetraining „Transformationale Führung“ werden die Teilnehmenden befähigt, komplexe Change-Management-Prozesse anzuleiten und umzusetzen.
Welche Bedingungen es hierfür braucht und wie man eine transformationale Führungskraft wird, haben wir den GRAVITA-Trainer Oliver Lowin gefragt.

Oliver Lowin im Interview

Projekt GRAVITA: Wer oder was inspiriert Sie persönlich?
Oliver Lowin: Es sind nicht bestimmte Menschen, die mich mit ihrem Können oder Tun inspirieren, wie man das so landläufig kennt. Es sind eher spezielle Eigenschaften oder Handlungen, die auf mich Einfluss ausüben. Viel öfter fühle ich mich aber angesprochen, wenn jemand mir eine gute Frage stellt. Und eine Frage ist dann gut, wenn ich darüber nachdenken muss. Das können auch Freunde oder Seminarteilnehmende von mir sein.

Projekt GRAVITA: Welchen Beitrag leistet die Qualifizierung „Transformationale Führung“ zum GRAVITA-Konzept?
Oliver Lowin: GRAVITA baut darauf auf, Pflegekräften ein besseres Selbst-Bewusstsein und ein besseres Selbst-Verständnis zu ermöglichen. Denn dadurch steigt die pflegerische Qualität und dann auch die Patient*innenzufriedenheit. Transformationale Führung, als Ergänzung zur transaktionalen Führung, schafft für Führungskräfte neue Möglichkeiten, sich selbst und ihren Mitarbeitenden dieses Bewusstsein und Verständnis zu verschaffen.
Insofern ist neben der adäquaten Kommunikation für mich die Transformationale Führung der ganz zentrale Baustein des Projektes.

Projekt GRAVITA: Was kann transformationale Führung im Krankenhaus bzw. für die Pflegekräfte grundsätzlich bewirken?
Oliver Lowin: Ich erlebe oft Pflegekräfte, die „ihr Licht unter den Scheffel stellen“. Sie leisten einen hervorragenden, körperlich und emotional anstrengenden Job und tun das oft als Selbstverständlichkeit ab. Sich seiner selbst bewusst zu werden, sich selbst weiter im Beruf zu begeistern und Mitarbeitende mit dieser Begeisterung anzustecken, ist das Ziel. Und Pflegekräfte, die sich ihrer selbst bewusst sind, verändern positiv Kommunikation und Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende und Patient*innen.

Projekt GRAVITA: Gibt es bestimmte Bedingungen (Strukturen, Kultur, …), die gegeben sein müssen, damit der transformationale Führungsstil etabliert und gelebt werden kann?
Oliver Lowin: Die wichtigste Bedingung aus meiner Erfahrung ist die Unterstützung von Seiten der Spitze. Es braucht nicht zwingend eine Kaskade, die Führung von oben nach unten verändert. Veränderung etabliert sich oft genug aus einem Bereich, einem Team, einer Station heraus und zieht dann weitere Kreise. Dies ändert aber nichts daran, dass Unterstützung von oben nötig ist.
Die andere wichtige Bedingung sind Offenheit und Fehlerkultur in einer Organisation. Jedes neue Verhalten ist mit Fehlern verbunden. Wer Mitarbeitenden nicht die Chance gibt, sich in einer neuen Führungskultur auszuprobieren, wird diese nicht gut umsetzen können.

Projekt GRAVITA: Was muss eine Führungskraft für sich selbst lernen, um dies in ihrer Führungsrolle als Vorbild und charismatische Persönlichkeit auch umsetzen zu können?
Oliver Lowin: Wenn ich es auf ein oder zwei Punkte konzentrieren sollte, wären das Bewusstmachung und Achtsamkeit. Bewusstmachung, weil eine Führungskraft sich ihrer selbst bewusst sein und bewusste Entscheidungen fällen sollte. Und die Achtsamkeit, auf sich selbst und auf die Mitarbeitenden zu achten. Aus diesem Grund ist ein zentraler Bestandteil der Fortbildung, neues Wissen und neue Führungsmethoden immer mit der nötigen Selbstreflexion der Führungskräfte zu verbinden: Was bedeutet es für mich, nun Vorbild zu sein? Was bedeutet es für mich, intellektuelle Anregungen für Mitarbeitende zu geben? Was bedeutet es für mich, wenn ich nicht mehr nur „Anweisungsperson“ bin, sondern auch Mitarbeitende in ihrer Lernentwicklung unterstützen soll?

Projekt GRAVITA: Wie oder wodurch kann man seine Kolleg*innen und Mitarbeitenden inspirieren?
Oliver Lowin: Indem man Mitarbeitenden immer wieder neue Herausforderungen gibt. Zufrieden zu sein, sich aber mit den Leistungen nie zufrieden zu geben. Und das kann man, wenn man Mitarbeitende je nach deren Können und Interessen herausfordert. Das können Fragen sein, wie ich es oben bei meiner eigenen Inspiration genannt habe, aber vor allem auch neue Aufgaben, die die Verhaltensweisen erweitern.

Projekt GRAVITA: Wie oder wodurch kann man als transformationale Führungskraft das Selbstbild der Pflegenden stärken?
Oliver Lowin: Ein zentraler Bestandteil der transformationalen Führung ist die Vorbildwirkung der Führungskraft. Hat eine Führungskraft ein authentisches und positives Selbstbild als Pflegekraft, hat dies vermutlich die größte Wirkung auf das Selbstbild der Mitarbeitenden. Wir kennen heute aus den Untersuchungen den extrem großen Einfluss, den die unmittelbare Führungskraft auf die Mitarbeitendenzufriedenheit hat.

Projekt GRAVITA: Haben Sie einfach umsetzbare, praktische Tipps für den Alltag?
Oliver Lowin: Schreiben Sie eine Woche lang jeden Morgen fünf Minuten auf, was Sie an Ihrem Job begeistert. Fällt Ihnen nichts ein, wechseln Sie den Beruf. In der zweiten Woche machen Sie das weiterhin, sprechen aber zusätzlich jeden Tag mit Mitarbeitenden darüber. Fragen Sie, was das Beste am Tag war, das der/die Mitarbeitende erlebt hat. Was hat ihn oder sie fröhlich gestimmt? Weshalb hat er den Beruf gewählt? Und was braucht sie unter Umständen, um sich wieder begeistern zu lassen? Sie schaffen damit eine andere Stimmung in Ihrem Bereich und setzen positive Akzente.

Projekt GRAVITA: Was ist Ihre Lieblingsgeschichte zum Thema „transformationale Führung“?
Oliver Lowin: In einer Seminarreihe zur Einführung der transformationalen Führung in einem großen Krankenhaus waren wir am zweiten Tag sehr intensiv mit der Vorbildwirkung der Führungskraft beschäftigt. Im Verlaufe der Diskussion platzte eine Teilnehmerin sinngemäß heraus: Das habe ja schon ganz schön viel mit eigener Haltung zu tun. In anderen Führungskräftetrainings sei es immer nur um irgendwelche Verhaltensweisen gegangen.
Und da wusste ich: She‘s got it.

zur Person

Oliver Lowin ist Anwalt, ausgebildeter Verhaltens- und Kommunikationstrainer und NLP Mastercoach. Als Geschäftsführer leitet er ein Institut zur Erwachsenenbildung. Als Trainer und Coach obliegt ihm die Konzeption und Durchführung von Trainings, Workshops und Coachings.
Durch seine Erfahrungen als langjährige Führungskraft in Konzernen und Familienunternehmen kennt er die Bedürfnisse verschiedenster Teams und entsprechende Strategien, um gemeinsam nachhaltige Erfolge zu erzielen. Seine Branchenschwerpunkte liegen im Gesundheits- und Pflegesektor, im Bereich Bildung/Hochschulen sowie der öffentlichen Verwaltung. Er begleitet dort einzelne Mitarbeitende, Teams und ganze Organisationen in den Bereichen Personalwesen und -management, Organisationsveränderungen, Change Management, Kommunikation sowie Führung und Konfliktmanagement.

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