Dr. Patricia Hänel im Interview

„Wer etwas ändern will, muss Dinge anders machen“

Die Arbeitsgruppen bilden das Herzstück des Projekts GRAVITA – hier werden inhaltliche Schwerpunkte des GRAVITA-Konzepts aufgegriffen und Maßnahmen entwickelt, die anschließend auf den Stationen umgesetzt werden.
Bis ein Projekt gestartet wird, muss zunächst allerdings einige Denk- und Planungsarbeit geleistet werden. Zu Beginn analysiert die Arbeitsgruppe bereits bestehende Strukturen und kann so Leerstellen im Haus „aufdecken“. Gemeinsam wird eruiert, was andere Initiativen zum Scheitern gebracht hat und welche erfolgreichen Vorgehensweisen adaptierbar sind. Die intensive thematische Auseinandersetzung und Projektplanung im Vorfeld ist die Grundlage dafür, dass die erarbeiteten Projekte auch gewinnbringend umgesetzt werden können und langfristig vor Ort wirken. Dieser planungsintensive Prozess wird begleitet von Dr. med. Patricia Hänel, die die  GRAVITA-Arbeitsgruppen moderiert und strukturiert. Ihre Methoden und Hinweise helfen den Teilnehmenden, neue Blickwinkel einzunehmen und gemeinsam nachhaltige Entscheidungen zu treffen.

Dr. Patricia Hänel im Interview

Projekt GRAVITA Dr. Patricia Hänel, was begeistert Sie am Projekt GRAVITA?
Dr. Patricia Hänel GRAVITA ist ein umfassender Ansatz, der Arbeitsbedingungen, Einstellungen und Kompetenzen gleichermaßen bearbeitet und – so hoffe ich – nachhaltig Arbeitsmotivation und Arbeitszufriedenheit von Pflegekräften steigert und darüber die Versorgung von Patient*innen verbessert. GRAVITA bietet den teilnehmenden Häusern über lange Zeit kontinuierliche Unterstützung, so dass Entwicklungen und Veränderungen gründlich vorbereitet und reflektiert angegangen werden können. Dies finde ich wichtig, denn Veränderung braucht Zeit und findet nicht nur in Prozessen und Strukturen statt, sondern auch in den Köpfen der Mitarbeitenden. Im GRAVITA-Konzept spielt beides zusammen: Veränderte Kompetenzen und Strukturen führen zu einem neuen Selbstbild der Pflege, was wiederum Kompetenzen und Strukturen verändern wird und darüber auch die Kooperation mit anderen Berufsgruppen beeinflusst.

Projekt GRAVITA Welche Veränderungen muss es wo geben, um den Arbeitsort Krankenhaus attraktiver zu machen? Und warum?
Dr. Patricia Hänel Veränderung muss es auf verschiedenen Ebenen geben: Der und die Einzelne müssen exzellente psychosoziale Kompetenzen besonders in Kommunikation und Führung haben. Das Rollenverständnis der Berufsgruppen im Krankenhaus muss sich an eine interprofessionelle Zusammenarbeit anpassen, bei der jede Berufsgruppe ihre Kompetenzen und Arbeitsweisen gleichberechtigt einbringt. Hier liegt auch eine große Verantwortung bei der Ausbildung der Gesundheitsberufe. Arbeitsbedingungen müssen gesundheitsfördernd gestaltet sein.
All dies wird aber nicht nachhaltig zum Erfolg führen, wenn sich nicht auch politische und ökonomische Bedingungen in der Gesundheitsversorgung ändern und Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine gute Versorgung unterstützen.

Projekt GRAVITA Welche Aufgabe hat die von Ihnen moderierte Arbeitsgruppe?
Dr. Patricia Hänel Die Arbeitsgruppe entwickelt Projekte, die die Arbeitszufriedenheit und die Position von Pflegekräften verbessern sollen. Diese betreffen hauptsächlich die Veränderung von Arbeitsabläufen, neue Formen der interprofessionellen Zusammenarbeit und Kommunikation, Fort- und Weiterbildung und sowie die Ausweitung der Aufgaben- und Verantwortungsbereiche der Pflege. In der Arbeitsgruppe werden die Projekte gemeinsam entwickelt, dabei verbessern alle Teilnehmenden ihr Wissen über Arbeitsmotivation und erhalten viele praktische Instrumente zur Projektplanung, zum Projektmanagement, zur Moderation, zur Begleitung von den Teams, die die Projekte im Haus durchführen werden ebenso wie zur Evaluation.

Projekt GRAVITA Was wird Ihrer Meinung nach durch die Arbeitsgruppe in den einzelnen Häusern entstehen? Worauf sind Sie besonders gespannt?
Dr. Patricia Hänel Ich erwarte, dass durch die Projekte die Ergebnisse der pflegerischen Tätigkeit in der Versorgung als pflegesensitive Outcomes sicht- und messbar werden und so ein neuer Aushandlungsprozess der Aufgaben- und Verantwortungsaufteilung zwischen den Berufsgruppen entsteht. Dieser Prozess wird sicher nicht ohne Reibung und Konflikte ablaufen, doch ich bin optimistisch, dass das Ergebnis eine tatsächlich Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist, in der alle Professionen gleichsam ihren Beitrag zur Versorgung von Patient*innen leisten.

Projekt GRAVITA Was ist Ihr persönlicher „Geheimtipp“, damit Veränderungen in Unternehmen erfolgreich umgesetzt werden können?
Dr. Patricia Hänel Reden, reden, reden. Veränderungen können Angst machen und niemand möchte von Veränderungen überrollt werden. Reden auch und besonders mit Skeptiker*innen, keine Angst haben vor Gegenwind, wenn das Ziel kohärent und deutlich ist. Im Konflikt partnerschaftlich und respektvoll bleiben.

Projekt GRAVITA Was ist Ihre Lieblingsweisheit in Bezug auf Veränderungsmanagement?
Dr. Patricia Hänel Wer etwas ändern will, muss Dinge anders machen.

zur Person

Dr. med. Patricia Hänel ist Ärztin, Fachcoach Medizin und Gründerin von MEDIZIN-Konzepte.de.
Sie trainiert und berät Ärzt*innen, Pflegende und Therapeut*innen in Klinik und Praxis. Sie forscht an der Alice Salomon Hochschule Berlin zur Integration migrierter Mediziner*innen an deutschen Krankenhäusern, zu interprofessioneller Kooperation, Kommunikation, Arbeitsmotivation und Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Aus langjähriger Berufserfahrung in Medizin und Pflege, in Klinik, Beratung und Forschung, als Teammitglied und Führungskraft kennt sie Arbeitswirklichkeit und Positionen aller wichtigen Akteure im Gesundheitswesen.
Sie verbindet diese praktische Erfahrung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und eigenen Forschungsergebnissen und vermittelt dieses Wissen als Beraterin und Trainerin. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Organisations- und Teamentwicklung, patient*innenzentrierte Strukturen und Prozesse, interprofessionelle und interkulturelle Zusammenarbeit und medizinische Kommunikation, besonders in schwierigen Situationen (Onkologie, Palliativmedizin, Intensivmedizin).

Bildnachweis © Lotte Ostermann

Medizin-Konzepte