INTERVIEW MIT HELLA THORBAHN, DER THEOLOGISCHEN LEITERIN DES EVANGELISCHEN KRANKENHAUSES KÖNIGIN ELISABETH HERZBERGE (KEH)

"Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig Berührungen sind"

Zentral im Projekt GRAVITA ist die Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Krankenhäusern. Im letzten Jahr war dies aufgrund der Unsicherheiten durch die Corona-Pandemie deutlich erschwert. Schulungen konnten nicht stattfinden und die Arbeitsgruppen mussten auch erst einmal mit ihren Projektentwicklungen pausieren. Die Mitarbeitenden in den Krankenhäusern wurden und werden durch die Pandemie deutlich belastet.

Wie erleben unsere Partnerkrankenhäuser diese schwierige Zeit? Wir haben hierfür mit der theologischen Leiterin des Evangelischen Krankenhauses Elisabeth Herzberge gesprochen. Hella Thorbahn hat uns einen Einblick in die aktuelle Situation im Krankenhaus, in ungewohnte Belastungen aber auch in neue positive Entwicklungen gegeben.

Hella Thorbahn im Interview

Projekt GRAVITA: Frau Thorbahn, heute ist der 13. Januar 2021 und das DIVI-Intensivregister zeigt eine volle Belegung der Intensivstation des KEH: Wie ist die aktuelle Lage?
Hella Thorbahn: Die aktuelle Situation ist nach wie vor angespannt. Wir haben aktuell um die 50 Corona-Patient*innen, zum Glück ist die Tendenz leicht fallend. Wir haben die Stationen in schwarze, graue und weiße Bereiche aufgeteilt. In den schwarzen Bereichen liegen Covid-19-Erkrankte, in den grauen Bereichen die Verdachtsfälle und in den weißen Bereichen liegen die Patient*innen, bei denen eine Infektion mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden konnte. Der weiße Bereich umfasst aktuell nur zwei somatische Stationen. Der schwarze Bereich, also der mit den Covid-19-positiven Patienten, war zu Anfang der Pandemie ganz klein und besteht aber aktuell aus zwei großen Stationen. Eine psychiatrische Akutstation wurde als Aufnahmepandemiestation eingerichtet. Das hat sich bewährt.
Andere Bereiche sind nach wie vor geschlossen bzw. interdisziplinär belegt, der normale Krankenhausbetrieb ist immer noch runtergefahren, elektive Eingriffe werden nicht vorgenommen, weil wir im Moment nicht die entsprechenden OP- und Intensivkapazitäten haben. Die Hygieneverantwortlichen sind seit Monaten sehr stark eingebunden, inzwischen haben sie Verstärkung bekommen. Erfreulicherweise haben wir jetzt mit der Impfung ein Licht am Ende des Tunnels. In der zweiten Januarwoche konnten wir die ersten rund 150 Mitarbeitenden impfen und hoffen, dass es zügig weitergeht. Auch wenn ich keine genauen Zahlen habe, ist es doch ein überwiegender Teil der Mitarbeitenden, die sich impfen lassen wollen. Meine Arbeit ist in der jetzigen Situation geprägt von vielen Sitzungen und viel Austausch. Es wird immer wieder tagesaktuell neu entschieden. Diese dynamische Lage, die immer wieder zu ständig neuen Entscheidungen und häufigen Anpassungen führt, führt natürlich auch zu einer gewissen Unsicherheit bei den Beschäftigen. Einige Bereiche sind sehr stark belastet – nicht nur durch Corona, sondern auch durch hohe Krankenstände bei den Mitarbeitenden. Dazu kommen auch die politischen Entscheidungen und Uneinigkeiten bei den einzelnen Bundesländern, die weitere Verunsicherungen bringen. Auch die Diskussion um die Impfung ist ein weiterer Faktor, der zu Unsicherheit bei den Beschäftigten führt.

Projekt GRAVITA: Vielen Dank für die Einschätzung und den Einblick. Können Sie uns und unseren Leser*innen kurz erläutern, was Ihre Aufgaben als theologische Leiterin im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge sind?
Hella Thorbahn: Meine Position ist sehr vielfältig. Ich begrüße neue Mitarbeiter*innen mit einem Willkommensgespräch. Da erkläre ich dann zum Beispiel auch, was Diakonie in diesem Arbeitsumfeld bedeutet. Ich bin verantwortlich für die KEH-Einführungstage, die es für neue Mitarbeiter*innen gibt. Ich koordiniere und organisiere die christliche Fortbildung unseres Hauses für die Mitarbeitenden, die dann von verschiedenen Dozent*innen durchgeführt wird. Gottesdienste, Andachten und Orgelkonzerte werden von mir organisiert. Die Gottesdienste und Andachten führe ich abwechselnd mit Kolleg*innen durch. Zudem bin ich zuständig für das Ethikkomitee im Haus. Aber auch, wie ich es nenne „Mitarbeiter*innenpflege“, nimmt einen Großteil meiner Aufgaben ein. Ab dem 30. Dienstjubiläum reihe ich mich in die Schlange der Gratulierenden mit ein und überreiche im Namen der Krankenhausleitung einen extra Blumenstrauß. Ab dem 40. Dienstjubiläum lade ich die Personen nochmal gesondert ein und ehre diese, wenn es gewünscht ist, mit einer kleinen Andacht oder einem Empfang. Es gibt sogar Mitarbeitende, die 45 Jahre in unserem Krankenhaus arbeiten; diese haben dann bereits ihre Ausbildung im KEH absolviert. Die Geburtstagskarten für die Mitarbeitenden schreibe ich auch – da kommen jeden Monat einige zusammen. Die Seelsorge ist ebenso Teil meiner Aufgaben, aber nicht hauptsächlich. Ich gehe direkt auf die Stationen und frage nach, was für Anliegen die Mitarbeitenden haben. Ich teile mir diese Aufgabe mit zwei weiteren Kolleg*innen, die für die Seelsorge vor Ort zuständig sind.

Projekt GRAVITA: Wie haben Sie das letzte Jahr im KEH erlebt?
Hella Thorbahn: Der Jahresempfang um den 6. Januar, den wir immer veranstalten, hat im letzten Jahr noch stattgefunden. Dann kam der Einschnitt auch für uns im KEH im März. Es gab große Veränderungen und viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Frauentagsfeier, Sommerfest und Weihnachtsfeier sind ausgefallen. Irgendwann im Laufe der Zeit wurden die Gottesdienste abgesagt und auch Ostern konnte nicht in der gewohnten Form stattfinden. Ich war froh, dass ich die Christvesper hier im Haus halten konnte. Dies war aber auch nur möglich, weil gewöhnlich keine hohen Besuchszahlen im Vergleich zu den Kirchengemeinden zu verzeichnen sind. Wir haben die Plätze zudem auf 30 Personen begrenzt und ein ausgefeiltes Hygienekonzept umgesetzt. Insgesamt verbrachten wir viel Zeit, um Hygienekonzepte zu entwickeln. Es war schon deutlich, dass weniger Menschen in die Gottesdienste und auch zu den Orgelkonzerten kommen. Ich denke, das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen haben die Menschen Angst vor Infektionen und zum anderen wissen sie mitunter gar nicht, dass diese Angebote stattfinden.
Die Belastungen, die das Jahr mit sich gebracht hat, sind bei allen spürbar. Ich persönlich empfinde die vielen Sitzungen dieser Zeit als sehr anstrengend. Seit November gibt es dreimal pro Woche Sitzungen, die allein die Corona-Maßnahmen und Umsetzungen betreffen.

Projekt GRAVITA: Sind Sie als Seelsorgerin wichtiger für die Mitarbeitenden oder für die Patient*innen?
Hella Thorbahn: Da würde ich definitiv sagen: für die Patient*innen.

Projekt GRAVITA: Haben Sie seit März 2020 einen erhöhten Bedarf der Mitarbeitenden an Seelsorge festgestellt?
Hella Thorbahn: Minimal höher. Ich habe aber den Eindruck, dass grundsätzlich ein hoher Bedarf bei den Mitarbeitenden da ist, aber dieser Bedarf nicht an die Seelsorge delegiert wird. Auch meine Kolleg*innen aus der Seelsorge vor Ort bestätigen diesen Eindruck. Ich vermute, dass einigen Mitarbeitenden gar nicht bewußt ist, was diese momentane Situation mit ihnen macht.

Projekt GRAVITA: Was sind besondere Themen mit denen die Menschen in diesem Jahr zu Ihnen gekommen sind?
Hella Thorbahn: Die wichtigsten Themen waren sicherlich die hohe Belastung und die Unsicherheit, auch durch ständig neue Anweisungen und Vorgaben. Die Belastung wurde sowohl psychisch als auch physisch empfunden. Körperlich sehr anstrengend ist auch das ganztägige Tragen der FFP2-Masken.

Projekt GRAVITA: Konnten Sie spezifische Probleme oder Sorgen bei den Pflegenden im Vergleich mit anderen Berufsgruppen erkennen?
Hella Thorbahn: In der Pflege kam und kommt es insbesondere auf den Corona-Stationen zu einer weiteren Belastung. Dort ist die Vorgabe, verstorbene Patient*innen in schwarze Leichensäcke zu packen, damit eine weitere Verbreitung des Virus unterbunden wird. Aber das nimmt die Mitarbeitenden auf diesen Stationen noch einmal besonders mit.

Projekt GRAVITA: Wie konnten Sie als Seelsorgerin für Ihre Mitarbeitenden da sein und helfen?
Hella Thorbahn: Die Mitarbeitenden wissen erst einmal um das Angebot. In der aktuellen Situation ist es nicht möglich, einfach mal so auf den Stationen vorbei zu schauen. Wenn Patient*innen dies wünschen, machen wir das gern möglich. Aber unsere Mitarbeiter*innen wollen das meist für sich selbst nicht. Sie wollen, dass möglichst wenig externe Personen auf die Stationen kommen, um eine weitere Verbreitung zu unterbinden.

Projekt GRAVITA: Gibt oder gab es spezielle Angebote, die durch die Corona-Pandemie entstanden sind und gegebenenfalls beibehalten werden?
Hella Thorbahn: Seit dem letzten Jahr haben wir eine neue Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit, da passiert dementsprechend viel in den sozialen Medien. Ich habe hierfür die Weihnachtsgeschichte für einen Videobeitrag auf Facebook und Instagram vorgelesen, das Video haben wir dann auch in unseren Hauskanal für die Patient*innen eingespielt. Die Adventsandacht mit Posaunenmusik fand draußen statt. Im Advent wie auch Heiligabend ist ein Bläserquartett auf dem Gelände unterwegs gewesen und hat an verschiedenen Orten Advents- und dann Weihnachtslieder gespielt. An diesen Alternativen draußen an der frischen Luft werden wir auch in Zukunft festhalten. Das sind schöne neue Angebote. Diese ganze Pandemie hat also in Teilen auch etwas Gutes gebracht. Wir haben festgestellt, dass wir nicht immer überall hinfahren müssen, dass wir online miteinander kommunizieren können. Das finde ich auch bemerkenswert.

Projekt GRAVITA: Was wünschen Sie sich für das neue Jahr? Was wünschen Sie Ihren Mitarbeitenden?
Hella Thorbahn: Ich wünsche mir das, was wir uns alle wünschen: Dass diese Pandemie eingedämmt wird und wir uns auch wieder ganz betrachten können – ohne Maske im Gesicht. Dass wir alle gut damit umgehen können und gelernt haben, was wirklich wichtig ist im Leben. Dass wir gelernt haben, wie wichtig Berührungen sind. Und dass Berührungen wieder möglich werden. Ich wünsche allen eine heilende Zeit; an Leib und Seele. Ganz besonders auch den Menschen, die schwer betroffen waren. Ich wünsche allen, dass sie gesund bleiben und behütet – an Leib und Seele.

zur Person

Hella Thorbahn ist die theologische Leiterin des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge (KEH). Als Theologin ist sie auch Vorsitzende des Ethik-Komitees im Haus.

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