EBN-Expertinnen Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger im Interview

Evidenzbasierte Pflegepraxis - Voraussetzungsvoll, aber machbar

GRAVITA setzt auf die Kraft des Wissens. Zukünftig sollen neueste pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in Pflegeprozesse und -standards eingebunden werden und die Qualitätsentwicklung von Pflegefachpersonen aktiv mitgestaltet werden. Denn: Pflegefachkräfte, die in evidenzbasierter Entscheidungsfindung geschult sind, können bessere Ergebnisse erzielen – im Sinne der Patient*innen und zu pflegenden Menschen. In der EBN-Schulung von GRAVITA werden Grundlagen der evidenzbasierten Pflegepraxis strukturiert vermittelt; Pflegefachkräfte lernen diese anzuwenden.

Die Einführung einer evidenzbasierten Pflegepraxis ist voraussetzungsvoll, aber machbar. Die EBN-Schulung in GRAVITA soll den Teilnehmenden die Berührungsängste mit dem Thema EBN nehmen und zeigen, dass die Umsetzung möglich ist. Dr. Julia Lühnen und Dr. Birte Berger-Höger sind Expertinnen für evidenzbasierte Pflege und haben die EBN-Schulung für GRAVITA konzipiert. Auch die Durchführung liegt in ihren Händen. Wir haben den beiden Fragen zu EBN im Allgemeinen und zur EBN-Schulung in GRAVITA im Besonderen gestellt.

Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger im Interview

Projekt GRAVITA: Was spricht aus Ihrer Sicht für eine evidenzbasierte Versorgungspraxis sowohl im Krankenhaus als auch in der Altenpflege?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Zur Beantwortung dieser Frage lohnt sich zunächst ein Blick auf die Definition einer evidenzbasierten Versorgungspraxis. Unter einer evidenzbasierten Versorgungspraxis wird der bewusste Einsatz der gegenwärtig besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse bei Entscheidungen über die medizinische und pflegerische Versorgung von einzelnen Patient*innen und zu pflegenden Menschen verstanden (vgl. Sackett, Rosenberg, Gray, Haynes & Richardson 1996). Das bedeutet, dass nur dann gute Entscheidungen im Sinne einer patient*innenzentrierten Versorgung getroffen werden können, wenn sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse als auch die individuellen Bedürfnisse der Patient*innen und zu pflegenden Menschen in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.

Für Patient*innen bedeutet dies konkret, dass sie nur die medizinischen und pflegerischen Maßnahmen erhalten, von denen wir zum einen wissen, dass sie für die Betroffenen einen Nutzen haben (bspw. der Erhalt der Mobilität) und Maßnahmen unterbleiben, die mehr schaden als nutzen. Oft gibt es mehr als eine Möglichkeit, mit einem gesundheitlichen Problem umzugehen. Alle Optionen haben in der Regel unterschiedliche Vor- und Nachteile, dann muss man gemeinsam mit den betroffenen Menschen und gegebenenfalls auch mit deren Angehörigen schauen, welche der Optionen am besten zu den Wunschvorstellungen und Lebensumständen der betroffenen Menschen passt.
Das heißt, Patient*innen profitieren vor allem davon, dass Entscheidungen gemeinsam mit ihnen, ausgerichtet an ihren Bedürfnissen und unter Berücksichtigung der besten wissenschaftlichen Erkenntnisse, getroffen werden. Dies beugt einer Über-, Unter- und Fehlversorgung vor.

Für Pflegende ergibt sich daraus, dass sie ihr eigenes Handeln professionalisieren und eigenverantwortliches, begründetes Entscheidungshandeln praktizieren können. Das ist eine Aufwertung des eigenen Berufsstandes und macht Pflege in ihrem Entscheidungshandeln auch unabhängiger beispielsweise von anderen Professionen wie den Ärzt*innen und kann zu mehr Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit führen.

Für die Geschäftsführung von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ergibt sich daraus eine Vielzahl von Vorteilen. Es ist eine höhere Patient*innen- und Personalzufriedenheit zu erwarten. Eine evidenzbasierte Pflegepraxis stellt eine qualitätsgesicherte Versorgung sicher und es ist zu erwarten, dass in einem Gesundheitssystem auch langfristig bessere Ergebnisse mit Blick auf die Gesundheit der Patient*innen erzielt werden.

Projekt GRAVITA: Warum steckt EBN hierzulande im Vergleich mit anderen Ländern noch in den Kinderschuhen?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Das hat mannigfaltige Ursachen. Eine zentrale Ursache liegt sicher in der fehlenden Akademisierung der Pflegenden und der damit einhergehenden fehlenden Qualifikation. Der Wissenschaftsrat hat 2014 empfohlen, dass 10-20% der Pflegenden akademisiert sein sollten. 2015 lag die Quote bei unter 2% an Universitätskliniken (vgl. Tannen et al. 2017). Eine Befragung unter Pflegenden in Deutschland hat ergeben, dass Pflegende Forschung grundsätzlich einen Wert für die eigene Praxis beimessen, ihnen jedoch die Voraussetzungen fehlen, um eine evidenzbasierte Pflegepraxis umzusetzen (Köpke et al. 2013). Hierzu zählen die Kompetenzen relevante wissenschaftliche Erkenntnisse zu identifizieren und in der Praxis umzusetzen. Selbst vielen Lehrenden in Pflegeberufen fehlt die Qualifikation EBN zu unterrichten. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch, dass Pflege bislang keine gemeinsame starke Interessenvertretung hat, die dazu beiträgt, dass Pflege ein höherer Stellenwert in der Gesellschaft beigemessen wird, mit entsprechender Ausbildung und Ressourcen. Dies macht auch die Implementierung neuer Rollenbilder von Pflegenden wie Advanced Nurse Practitioners, die zum Teil auch heilkundliche Tätigkeiten übernehmen können, schwierig, da Pflege sich gegenüber anderen Berufsgruppen auf politischer Ebene nur schwer behaupten kann.

Projekt GRAVITA: Welche Faktoren tragen zu einer regelmäßig angewendeten, evidenzbasierten Pflegepraxis bei? Was muss sich ändern?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Wir brauchen einen Kulturwandel. Pflegende und deren Einrichtungen müssen eine hohe Innovationsbereitschaft mitbringen, bereit sein, das eigene Handeln ständig kritisch zu hinterfragen. Pflegende brauchen dabei auch die Unterstützung ihrer Einrichtungen. Diese müssen auch entsprechende Strukturen bereitstellen, d.h. den Zugang zu wissenschaftlicher Literatur ermöglichen, entsprechende Fortbildungsangebote bereitstellen und auch die notwendigen Zeitressourcen. Um eine solche Kultur zu etablieren, können auch Qualitätszirkel eingerichtet und Journal Clubs etabliert werden, in denen regelmäßig neue pflegewissenschaftliche Artikel diskutiert werden.

Projekt GRAVITA: Können Sie von Positivbeispielen aus Betrieben berichten, die auf evidenzbasierte Versorgungspraxis umgestellt haben?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Leider kennen wir keine Einrichtungen, in der eine evidenzbasierte Versorgung schon vollständig implementiert wurde. Als positive Beispiele fallen uns aber Einrichtungen ein, die so genannte Advanced Nurse Practicioners eingeführt haben. Hierzu zählen Krankenhäuser wie das Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf oder die Universitätskliniken Freiburg und Bonn, die in unterschiedlichen Bereichen spezialisierte Pflegende beschäftigen, die die Versorgung von bestimmten Patient*innengruppen verbessern sollen. Diese Pflegeexpert*innen haben einen Bachelorabschluss in Advanced Practice Nursing und arbeiten z.B. auf Intensivstationen, chirurgischen Stationen, in der Gynäkologie und Geburtshilfe, Inneren Medizin und Psychiatrie. Sie haben in der Regel einen erweiterten Kompetenzbereich, der ihnen einen großen Gestaltungsspielraum gibt, die Versorgungsprozesse von Patient*innen mit komplexen Erkrankungen evidenzbasiert zu gestalten, Maßnahmen in der eigenen Praxis zu implementieren und zu evaluieren. Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen sie auch heilkundliche Tätigkeiten ausüben.
In jeder Pflegeeinrichtung müssen die Nationalen Expert*innenstandards für die Pflege umgesetzt werden. Diese sollen für bestimmte, häufig auftretende Pflegephänomene eine evidenzbasierte Pflegepraxis fördern. Bedauerlicherweise werden die Pflegenden auch hier wieder nur zu Ausführenden von entsprechenden Handlungsvorgaben. Ihnen fehlt die Kompetenz, die den Empfehlungen zugrundeliegende Evidenz kritisch zu bewerten und entsprechend ihrer pflegerischen Entscheidungsfindung zu berücksichtigen.

Projekt GRAVITA: Warum sollte eine Pflegefachperson an der EBN-Schulung im Projekt GRAVITA teilnehmen?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Alle, die Lust haben einen Einblick in das Thema zu erhalten und einen kritischen Blick auf die eigene Praxis zu werfen, sind in der Schulung herzlich willkommen. Gerade Pflegende mit Pioniergeist, die Lust haben, die eigene Praxis mitzugestalten und zu verbessern, können von der Schulung profitieren.

Projekt GRAVITA: Wie werden Sie die Teilnehmenden mit dem Thema vertraut machen?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Für die Schulung wählen wir Fragestellungen aus der Praxis und orientieren uns vom Aufbau am Prozess der evidenzbasierten Entscheidungsfindung, sodass wir von der konkreten praktischen Fragestellung am Ende bei der Anwendung der Erkenntnisse in der Praxis angelangen. Wir haben ein innovatives E-Learning Angebot entwickelt, dass die Möglichkeit bietet, sich in Selbststudienphasen einzeln oder in Gruppen mit den Themen auseinanderzusetzen und in gemeinsamen virtuellen Treffen über die Ergebnisse der Arbeitsaufgaben zu diskutieren.

Projekt GRAVITA: Müssen die Teilnehmenden zwingend Englisch sprechen können?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Für die Schulung müssen die Teilnehmenden nicht zwingend Englisch sprechen können. Wir nutzen im Kurs – wo möglich – deutschsprachige Texte oder Übersetzungen. Für eine Implementierung in die Praxis sind Englischkenntnisse aber eine wichtige Voraussetzung, da die meisten wissenschaftlichen Publikationen auf Englisch verfasst sind. Vordergründig ist daher auch das Verstehen von Texten und weniger das Sprechen auf Englisch. Die notwendigen Fachbegriffe lernt man dann schnell.

Projekt GRAVITA: Was kennen und können die Teilnehmenden nach der Schulung?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte-Berger-Höger: Die Teilnehmenden erkennen hoffentlich die Bedeutung, die die Methodik der evidenzbasierten Pflege für ihren Berufsalltag haben kann. Sie erhalten einen Einblick, wie sie zu unterschiedlichen Fragestellungen aus der Praxis wissenschaftliche Studie identifizieren und kritisch bewerten können. Sie kennen unterschiedliche Studiendesigns und können einschätzen, wie verlässlich Informationen aus unterschiedlichen Quellen sind.
Die Teilnehmenden lernen Qualitätskriterien für evidenzbasierte Gesundheitsinformationen und ein Konzept für eine gemeinsame, evidenzbasierte Entscheidungsfindung kennen. Sie üben an verschiedenen Beispielen, die zu Pflegenden in Entscheidungen einzubeziehen, so dass sie theoretische Kenntnisse in die Praxis übertragen können.

Projekt GRAVITA: Was ist die Grundvoraussetzung für die Umsetzung/Anwendung von EBN?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Grundvoraussetzung für EBN ist allgemein eine kritische Haltung und die Bereitschaft, auch das eigene pflegerische Handeln kritisch zu reflektieren. Zusätzliche braucht es eine Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen und deren Umsetzung. Diese Offenheit sollte natürlich auch auf der Leitungsebene bestehen, da eine Umsetzung für einzelne Pflegende sonst nur schwer möglich ist.

Projekt GRAVITA: Welchen Ratschlag geben Sie Pflegepersonen, die Ihre Schulung besucht haben, mit auf den Weg?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Uns ist natürlich bewusst, dass sich nach dem einmaligen Besuch so einer Schulung nicht alles auf einmal ändern lässt. Aber wir möchten den Teilnehmenden mitgeben, dass es sich lohnt, im Kleinen mit Veränderungen zu beginnen. Wenn es bei einer Patientin ein Problem gibt, was einen besonders beschäftigt, einfach mal nach aktuellen Studien schauen…
Ein wichtiger Ratschlag ist auch: „Am Ball bleiben!“ Auch die Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist eine Übungssache. Hilfreich kann z.B. sein, innerhalb der Einrichtungen einen Journal Club zu gründen, so dass man regelmäßig aktuelle Studien gemeinsam diskutieren kann.

Projekt GRAVITA: Was ist Ihre Vision in Bezug auf evidenzbasierte Pflege?
Dr. Julia Lühnen & Dr. Birte Berger-Höger: Durch die erfolgreiche Professionalisierung ist die evidenzbasierte Pflege in allen Bereichen implementiert und akzeptiert. Sie ist elementarer Bestandteil von Pflege und über ihre Notwendigkeit muss nicht mehr diskutiert werden. Alle zu Pflegenden erhalten eine Versorgung, die auf dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand basiert und die den individuellen Bedürfnissen und Wünschen entspricht.

 

[Referenzen] 
Köpke, S., Koch, F., Behncke, A., Balzer, K. (2013) [German hospital nurses‘ attitudes concerning evidence-based nursing practice] Pflege (3): 163-75.

Sackett, D. L., Rosenberg, W. M., Gray, J. A., Haynes, R. B. & Richardson, W. S. (1996). Evidence based medicine: what it is and what it isn’t. BMJ, 312(7023), 71-72.

Tannen A, Feuchtinger J, Strohbucker B, Kocks A: [State of development of the role of academic nursing staff at German university hospitals in 2015]. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 2017, 120:39-46.

zur Person

Julia Lühnen ist Kinderkrankenschwester und promovierte Gesundheitswissenschaftlerin. Sie arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit ist die Bereitstellung und Qualität von evidenzbasierten Gesundheitsinformationen sowie die Förderung informierter Entscheidungen. Sie war in verschiedenen Projekten an der Entwicklung und Evaluation von Schulungsprogrammen zur evidenzbasierten Praxis und Entscheidungsfindung beteiligt. Dadurch hat sie Erfahrungen mit Angeboten für unterschiedliche Zielgruppen – von Laien bis Ärzt*innen – sowie mit der Entwicklung von Präsenz, Blended und E-Learning Formaten.

zur Person

Birte Berger-Höger ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und promovierte Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin. Sie arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und tritt ab November eine Juniorprofessur für Pflegewissenschaft an der Universität Bremen an.
Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit ist die Förderung einer evidenzbasierten gemeinsamen Entscheidungsfindung von Patient*innen und Professionellen im Gesundheitswesen, beispielsweise durch den Einsatz von evidenzbasierten Gesundheitsinformationen und Decision Coaches. Durch ihr Studium des Lehramtes Berufliche Schulen mit dem Schwerpunkt Gesundheitswissenschaften kann sie auf vertiefte didaktische Kenntnisse zurückgreifen und war an der Entwicklung von verschiedenen Schulungsprogrammen für unterschiedliche Zielgruppen (z.B. spezialisierte Pflegefachkräfte und Ärzt*innen) in unterschiedlichen Formaten darunter auch E-Learning zur Vermittlung einer evidenzbasierten Praxis beteiligt. Sie ist Sprecherin des Fachbereiches Aus-, Weiter- und Fortbildung im Netzwerk evidenzbasierte Medizin.